Im Alltag ist es normal, dass Trinkwasser in Hausleitungen über Stunden oder Tage steht – nachts, am Wochenende oder während längerer Abwesenheit. Was banal erscheint, hat messbare Auswirkungen auf die Wasserqualität. Forschung zeigt, dass Wasser, das nicht bewegt wird, sich chemisch und mikrobiell verändert, noch bevor es den Wasserhahn erreicht.
Ein wesentliches Phänomen dabei ist, dass sich die Zusammensetzung der mikrobiellen Gemeinschaft im stagnierenden Wasser deutlich verändert. In einem experimentellen Feldversuch erhöhte sich die Anzahl bakterieller Zellen im Leitungswasser nach mehreren Tagen Stillstand deutlich gegenüber dem versorgten Wasser aus dem Netz, und die bakterielle Gemeinschaft veränderte sich sichtbar im Vergleich zum fließenden Zustand im Verteilungssystem . Ein anderes Forschungsprojekt ergab, dass nach nur einer Nacht Stagnation die Zahl der lebenden Zellen in Wasserproben um ein Vielfaches anstieg, gemessen über Parameter wie ATP-Konzentration und heterotrophe Plattenzählung, was auf aktives mikrobielles Wachstum während der Stillstandszeit hindeutet .
Diese mikrobiellen Veränderungen sind nicht nur akademisch interessant. Stagnation beeinflusst auch die chemische Zusammensetzung von Wasser. Studien zur Metallfreisetzung zeigen, dass die Konzentrationen von Kupfer, Blei oder Nickel in Trinkwasser nach längerer Stagnation zunehmen können. In kontrollierten Experimenten wurde beobachtet, dass Metallgehalte in den ersten 20–24 Stunden stillstehenden Wassers exponentiell ansteigen, bevor sie sich in weiterer Folge verändern . Das hängt damit zusammen, dass die Verweildauer in Kontakt mit Rohrmaterialien die Korrosionskinetik und Materialabgabe beeinflusst – je länger das Wasser steht, desto intensiver können diese Prozesse wirken.
Neben rein chemischen Effekten begünstigt Stagnation auch das mikrobiologische Umfeld. In einem vollmaßstäblichen Haushaltsleitungsnetz wurde gezeigt, dass Wasser, das über längere Zeit stillstand, nicht nur eine andere Zusammensetzung der bakteriellen Gemeinschaft aufwies, sondern dass Temperatur und Stillstand zusammen die mikrobiologische Qualität beeinflussen . Die Forschung belegt damit, dass selbst kurzfristige Stagnation ausreicht, um messbare Veränderungen hervorzurufen.
Warum ist das relevant? Trinkwasseranalysen konzentrieren sich meist auf fließendes Wasser im öffentlichen Netz und weniger auf Bedingungen in privaten Leitungen. Dennoch können stagnierende Bedingungen genau dort auftreten, wo wir Wasser nutzen: in der Küche, im Badezimmer oder im Gästebad. Gerade dort, wo Wasser selten gewechselt wird, können sich chemische und mikrobiologische Prozesse stärker ausprägen als im Versorgungsnetz selbst.
Die Konsequenz ist nicht, dass Leitungswasser grundsätzlich unsicher ist. Vielmehr zeigt die Forschung, dass Stillstand ein dynamischer Faktor ist, der die Wasserqualität modulieren kann, bevor Nutzer es wahrnehmen. Eine einfache Maßnahme wie kurzes Spülen am Morgen oder nach längerer Nichtnutzung reduziert nachweislich die erhöhte Zellzahl und Temperatur des stagnierenden Wassers zurück auf Werte, die dem normalen Netz entsprechen .
Stagnationswasser ist keine abstrakte Gefahr, sondern eine alltägliche Realität, die zeigt: Leitungswasser ist kein statisches Produkt, sondern ein dynamisches System, das sich kontinuierlich verändert – besonders wenn es stillsteht.
Trinkwasser wirkt nicht nur durch seine Herkunft.
Es wirkt durch die Zeit, die es im Leitungssystem verbringt.
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