Mineralwasser aus dem Supermarkt: Warum die Flasche keine Reinheitsgarantie ist
Mineralwasser aus dem Supermarkt vermittelt ein einfaches Qualitätsversprechen: natürliche Quelle, verschlossene Flasche, kontrolliertes Produkt.
Chemisch betrachtet ist die Situation differenzierter.
Eine 2025 veröffentlichte europäische Studie untersuchte unter anderem 71 Proben abgefüllten Wassers aus Frankreich, Italien und Rumänien auf Trifluoressigsäure, kurz TFA. Die Ergebnisse zeigten erhebliche Unterschiede zwischen Ländern, Marken und einzelnen Proben.
Die Flasche definiert nicht die Wasserqualität.
Die Quelle und ihre Umgebung tun es.
Was die aktuelle Studie untersucht hat
Forscher untersuchten Trinkwasser und kommerziell erhältliches Flaschenwasser auf TFA, eine sehr persistente und hochmobile fluorierte Verbindung.
Für das Flaschenwasser wurden Produkte analysiert, die in Frankreich, Italien und Rumänien im Einzelhandel erhältlich waren. Die Analysen wurden mit einer Bestimmungsgrenze von 50 Nanogramm pro Liter durchgeführt.
In allen untersuchten französischen Kunststoff-Flaschenwasserproben wurde TFA nachgewiesen. Der Median lag bei 280 Nanogramm pro Liter.
Bei den italienischen und rumänischen Produkten war das Bild deutlich uneinheitlicher: Einige Proben lagen unterhalb der Bestimmungsgrenze, andere enthielten messbare Konzentrationen bis zu 400 Nanogramm pro Liter.
Eine einzelne französische Marke erreichte in einer Probe 1.000 Nanogramm pro Liter.
Nicht jedes Mineralwasser war gleich belastet.
Genau das ist die relevante Erkenntnis.
„Natürliches Mineralwasser“ bedeutet nicht schadstofffrei
Mineralwasser stammt aus unterirdischen Wasservorkommen. Diese Herkunft schützt die Ressource vor vielen kurzfristigen Einflüssen, macht sie aber nicht grundsätzlich unabhängig von Umweltkontamination.
Persistente und sehr mobile Stoffe können über lange Zeiträume durch den Wasserkreislauf transportiert werden und Grundwasserressourcen erreichen.
TFA ist dafür ein besonders deutliches Beispiel: Die Verbindung bindet nur schwach an Boden und ist sehr gut wasserlöslich. Dadurch kann sie sich über Niederschlag, Oberflächenwasser und Grundwasser verbreiten.
Dass ein Wasser aus einer natürlichen Quelle stammt, sagt deshalb zunächst nichts darüber aus, ob moderne Spurenstoffe analytisch vollständig fehlen.
Natürlich ist eine Herkunftsangabe.
Keine Nullmessung.
Marke und Herkunft können wichtiger sein als die Produktkategorie
Besonders interessant ist die große Streuung innerhalb der Untersuchung.
Während TFA in allen analysierten französischen Kunststoff-Flaschenwasserproben nachweisbar war, lagen mehrere Produkte aus Rumänien und Italien unter der analytischen Bestimmungsgrenze.
Selbst zwischen verschiedenen französischen Marken bestanden deutliche Unterschiede.
Die Forscher weisen darauf hin, dass Faktoren wie die Charakteristik der Wasserquelle, regionale Umweltbelastungen, unterschiedliche Produktionsbedingungen und möglicherweise auch die Verpackung eine Rolle spielen könnten. Eine eindeutige Ursache für die Unterschiede ließ sich aus der Untersuchung jedoch nicht ableiten.
Das ist wichtig.
Eine einzelne Untersuchung erlaubt keine Rangliste aller Mineralwassermarken.
Sie zeigt aber, warum pauschale Aussagen wie „Flaschenwasser ist sauberer“ wissenschaftlich zu einfach sind.
Auch Leitungswasser war nicht automatisch schlechter oder besser
Die Studie verglich das Flaschenwasser zusätzlich mit Leitungswasserproben aus Besançon in Frankreich.
Dort wurde TFA in allen untersuchten Leitungswasserproben gefunden. Die Konzentrationen lagen zwischen 540 und 3.800 Nanogramm pro Liter und damit im Mittel deutlich höher als in den untersuchten französischen Flaschenwasserproben.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Mineralwasser grundsätzlich weniger TFA enthält als Leitungswasser.
Die Leitungswasserproben stammten aus einer einzelnen französischen Region. Die Flaschenwasserproben wiederum kamen aus unterschiedlichen Quellen und Ländern. Die Studie zeigt regionale Unterschiede, nicht einen universellen Vorteil einer Wasserart.
Die richtige Frage lautet deshalb nicht:
Flasche oder Wasserhahn?
Sondern:
Welche Stoffe befinden sich konkret in diesem Wasser?
Die Verpackung bleibt ein eigener Faktor
Die Studie liefert außerdem eine interessante Beobachtung: Acht französische Wasserproben aus Glasflaschen lagen unterhalb der Bestimmungsgrenze für TFA.
Die Autoren diskutieren deshalb neben der Quelle auch die Verpackung als möglichen Einflussfaktor. Gleichzeitig betonen sie, dass aus den vorliegenden Daten kein eindeutiger kausaler Zusammenhang zwischen Kunststoffverpackung und TFA-Konzentration abgeleitet werden kann.
Genau diese Trennung ist wichtig.
Eine Korrelation ist noch kein Nachweis dafür, dass ein Stoff aus der Flasche stammt.
Bei anderen Kontaminanten kann die Verpackung allerdings sehr wohl relevant werden. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat 2025 die wissenschaftliche Literatur zur Freisetzung von Mikro- und Nanoplastik aus Lebensmittelkontaktmaterialien ausgewertet und dabei auch abgefülltes Wasser berücksichtigt. Die Datenlage zeigt, dass Verpackung und Verschlüsse mögliche Quellen von Kunststoffpartikeln sein können, gleichzeitig unterscheiden sich Messmethoden und Ergebnisse zwischen Studien erheblich.
Flaschenwasser besteht deshalb aus zwei Systemen:
Wasserquelle und Verpackung.
Ein Nachweis ist noch keine Gesundheitsbewertung
Spurenstoffe werden heute in Konzentrationen gemessen, die vor wenigen Jahrzehnten analytisch kaum zugänglich waren.
Ein analytischer Nachweis bedeutet deshalb nicht automatisch, dass von dem Wasser ein gesundheitliches Risiko ausgeht.
Für TFA stellt das Bundesinstitut für Risikobewertung nach aktuellem Kenntnisstand fest, dass bei den derzeit bekannten Konzentrationen in Trinkwasser und Lebensmitteln keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu erwarten sind. Gleichzeitig wird die Verbindung aufgrund ihrer extremen Persistenz und zunehmenden Umweltverbreitung intensiv wissenschaftlich und regulatorisch bewertet.
Messbarkeit und Risiko sind zwei unterschiedliche Fragen.
Beide müssen getrennt bewertet werden.
Warum Mineralstoffangaben wenig über Spurenstoffe aussagen
Auf Mineralwasserflaschen stehen typischerweise Angaben zu Calcium, Magnesium, Natrium, Hydrogencarbonat und anderen Mineralstoffen.
Diese Werte beschreiben die mineralische Zusammensetzung.
Sie sagen jedoch nichts darüber aus, ob beispielsweise TFA, andere PFAS, Mikroplastik oder weitere Spurenstoffe vorhanden sind.
Auch Geschmack, Klarheit oder ein niedriger Mineralstoffgehalt ermöglichen keine zuverlässige Aussage darüber.
Ein Mineralwasser kann analytisch interessante Mineralstoffwerte besitzen und gleichzeitig Spuren moderner Umweltkontaminanten enthalten.
Das eine schließt das andere nicht aus.
Was Verbraucher aus solchen Studien mitnehmen können
Die aktuelle Untersuchung liefert keinen Grund, Mineralwasser pauschal zu vermeiden.
Sie widerlegt vielmehr eine verbreitete Vereinfachung:
Eine verschlossene Flasche ist keine Garantie dafür, dass ein Wasser frei von modernen Spurenstoffen ist.
Gleichzeitig ist auch Leitungswasser nicht überall identisch. Quelle, Region, Wasseraufbereitung und die eigene Hausinstallation bestimmen, welche Stoffe am Ende tatsächlich im Glas landen.
Wer Wasserqualität beurteilen möchte, braucht deshalb konkrete Analysedaten.
Nicht die Verpackung.
Nicht den Preis.
Nicht die Vorstellung von „natürlicher Reinheit“.
Die Wasserquelle entscheidet, welche Stoffe vorhanden sein können.
Die Analytik zeigt, was tatsächlich vorhanden ist.
Und die passende Aufbereitung entscheidet, was gezielt reduziert werden kann.
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Quellen
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Crini G., Lacalamita D., Bradu C. et al.: Assessment of trifluoroacetic acid in tap water from Besançon (France) and bottled water from France, Italy, and Romania, Discover Water, 2025.
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Bundesinstitut für Risikobewertung: Trifluoroacetic acid (TFA) in food: What are the health risks?, 29 July 2026.
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European Food Safety Authority: Literature review on micro- and nanoplastic release from food contact materials during their use, 2025.



